Der Büro-Barista

Im Jänner 2023 bin ich für meinen Arbeitgeber in der Automotive-Industrie nach München gewechselt. Neue Stadt, neues Büro, neue Kollegen. Und in meiner Tasche eine Teekanne.

Kein Witz. Die ersten Wochen in München habe ich Tee getrunken. Nicht weil ich Tee so gerne mag, sondern weil ich von Siebträger-Espresso überzeugt bin und der Vollautomat in der Kaffeeküche für mich keine Option war. Also Tee. Die sichere Variante.

Das Problem mit der Maschine in Linz

Meine Rocket Appartamento und meine Eureka Mühle standen in Linz. Das Setup, mit dem alles angefangen hat. Ich fuhr alle zwei Wochen nach Hause, machte Espresso für mich und Sabine, und dann stand die Maschine wieder zehn Tage lang kalt in der Küche.

Das ist Verschwendung. Nicht im finanziellen Sinn, auch wenn eine Appartamento kein Schnäppchen ist. Sondern im Sinn von verpassten Tassen. Jeder Tag ohne Espresso ist ein Tag, an dem die Maschine nichts tut außer Staub anzusetzen.

Die nächste Idee war naheliegend, die Maschine in meine Münchner Wohnung zu stellen. Aber auch dort hätte ich vielleicht drei, vier Espressi pro Woche gemacht. Unter der Woche bin ich im Büro, am Wochenende oft in Linz. Besser als alle zwei Wochen, aber immer noch nicht das, was eine Siebträgermaschine verdient.

Die dritte Idee war die richtige

Ich habe meinen Vorgesetzten gefragt, ob ich meine Espressomaschine ins Büro stellen darf. Die Antwort kam schneller als erwartet, und sie war Ja.

Also stand ab Frühjahr 2023 meine Rocket Appartamento in einem Zwei-Mann-Büro in München. Gleich neben der Tür, auf einem eigenen Schränkchen, leicht erhöht. Darunter im Kasten das Bohnenlager. Daneben die Eureka Mühle, eine Waage, ein Tamper, ein Abschlagbehälter. Das volle Programm.

Ein Zwei-Mann-Büro klingt nach wenig Publikum. Aber wir hatten eine offene Tür. Immer. Jeder, der am Gang vorbeiging, konnte sehen, dass wir da waren. Und jeder konnte die Maschine sehen. Die Kollegen haben zuerst geschaut. Dann gerochen. Dann gefragt.

Und damit hat sich alles verändert.

Espresso als Eisbrecher

Wer neu in einem Unternehmen anfängt, kennt das Spiel. Du sitzt in deinem Bereich, nickst den Leuten auf dem Gang zu, und die ersten echten Gespräche ergeben sich irgendwann zufällig in der Kaffeeküche. Irgendwann. Vielleicht.

Mit einer Siebträgermaschine neben der offenen Tür funktioniert das anders. Die Maschine ist laut genug, dass du sie am Gang hörst. Sie riecht gut genug, dass Leute stehen bleiben. Und wenn jemand stehen bleibt, bietest du einen Espresso an. Das ist kein Networking-Trick, das ist Höflichkeit.

Die Appartamento hat eine Aufheizphase von ungefähr zwanzig Minuten. Zwanzig Minuten, in denen die Maschine leise vor sich hin arbeitet und der Geruch von frisch gemahlenem Kaffee durch den Gang zieht. Irgendwann kamen die Ersten vorbei. Zuerst neugierig, dann regelmäßig.

Ich habe in den ersten Wochen die Kollegen tiefer kennengelernt als in jedem Onboarding-Programm. Nicht weil ich besonders kontaktfreudig bin, sondern weil Kaffee eine Einladung ist, die fast niemand ablehnt. So wurde ich zum Büro-Barista, ohne es geplant zu haben.

Lieferanten, Meetings und die erste Tasse

Die eigentliche Überraschung kam bei den Terminen mit externen Partnern und Lieferanten. Bevor das Meeting anfing, habe ich einen Espresso angeboten. Manchmal einen Cappuccino, je nachdem was der Gast wollte. Das hat die Atmosphäre sofort verändert.

Ein Meeting, das mit einem gemeinsamen Espresso beginnt, fühlt sich anders an als eines, das mit einer PowerPoint-Folie beginnt. Die erste Tasse bricht das Eis. Nicht weil der Espresso Zauberkräfte hat, sondern weil er eine Geste ist. Jemand hat sich die Mühe gemacht, frisch zu mahlen, zu tampern, den Bezug zu beobachten. Das registriert dein Gegenüber, auch wenn es nichts sagt.

Und ja, manche Bezüge waren besser als andere. Es kam durchaus vor, dass ich den Espresso in die Abtropfschale gekippt und nochmal angefangen habe. Die Waage stand nicht umsonst daneben. Einige Kollegen waren anfangs überrascht, dass ich jeden Bezug wiege. Aber spätestens nach dem ersten Espresso, der sauer aus der Maschine kam, weil das Verhältnis nicht gestimmt hat, war die Sinnhaftigkeit der Qualitätskontrolle auch dem Letzten klar.

Der erste Wechsel

Nach ungefähr anderthalb Jahren gab es eine Umorganisation und ich wechselte in eine andere Abteilung, in ein anderes Gebäude. Die Appartamento zog selbstverständlich mit. Neues Großraumbüro, neues Stockwerk, gleiche Maschine, gleiche Routine. Hier saßen wir mit anderen Gruppen zusammen, und die Gruppenkaffeeküche hatte einen Vollautomaten, der das tat, was Vollautomaten halt tun. Er funktionierte. Es kam Kaffee raus. Niemand beschwerte sich.

Und dann stand plötzlich eine Rocket Appartamento um die Ecke.

Die Röster-Frage

Im ersten Büro war die Maschine vor allem Eisbrecher. Die Diskussionen über Kaffee selbst kamen erst jetzt, im Großraumbüro, wo mehr Leute regelmäßig vorbeikamen.

Über Cafés in München, über die Frage, welcher italienische Röster besser sei, über helle versus dunkle Röstung. Es gab durchaus kontroverse Meinungen. Die einen schworen auf ihren dunkel gerösteten Hausblend, die anderen hatten gerade eine Tüte Single Origin aus dem Specialty-Laden um die Ecke entdeckt und wollten wissen, ob der seinen Preis wert sei.

Ich habe in diesen drei Jahren mehr über Röstungen gelernt als in den Jahren davor. Weil regelmäßig jemand mit einer neuen Tüte ankam und wissen wollte, was die Maschine daraus macht. Die Eureka hat in München mehr verschiedene Bohnen gemahlen als in den Jahren davor und danach zusammen.

Und die Nuancen, von denen alle reden, die findest du nicht, indem du darüber liest. Die findest du, indem du denselben Kaffee an zwei Tagen hintereinander mit leicht unterschiedlichem Mahlgrad trinkst und plötzlich verstehst, warum gestern Schokolade und heute Zitrone dominiert hat.

Dort war das Intermezzo kurz, nur zwei bis drei Monate. Aber es hat gereicht. Nachdem ich ins nächste Büro weitergezogen bin, haben die Kollegen etwas gemacht, womit ich nicht gerechnet hatte. Sie haben sich eine Sage für die Kaffeeküche gekauft. Eine Einsteiger-Siebträgermaschine mit integrierter Mühle. Kein Vollautomat. Eine Siebträger. Weil sie gemerkt haben, dass der Unterschied nicht nur schmeckbar, sondern auch machbar ist.

Ein paar Stockwerke höher

Als ich dann in den dritten Stock im gleichen Gebäude wechselte, war das Setup dasselbe. Gleiche Appartamento, gleiche Eureka, sie standen gleich neben der Tür zur Kaffeeküche. Die Kollegen kamen vorbei, es wurde Kaffee getrunken.

Was diesen Standort anders gemacht hat, war ein Kollege in der Gruppe, der selbst Espresso-Aficionado war. Bei ihm ging es nicht mehr um „darf ich mal probieren“, sondern um Röster, Siebträger und Bezugsparameter. Lieblingsbohnen wurden mitgebracht, in der Eureka gemahlen, in der Appartamento getestet. Manchmal waren die Ergebnisse überraschend, manchmal bestätigend, immer lehrreich.

Dieses Büro war dann mein letztes in München. Im Dezember 2025 ging es zurück nach Österreich, nach Steyr und Linz. Die Appartamento und die Eureka kamen mit. Sie stehen jetzt wieder in meiner Küche in Linz, dort wo sie hingehören.

Die E-Mail

Bevor ich meinen letzten Tag in München hatte, ist etwas passiert, das ich nicht vergessen werde. Die Kollegen haben sich wieder eine Einsteiger-Siebträger gekauft, eine Sage, wie im Stockwerk darunter. Und weil ich noch auf dem Büro-Verteiler war, habe ich die Mail mitbekommen, in der das angekündigt wurde.

Der Wortlaut, sinngemäß, war der folgende. Mich persönlich könne man zwar nicht ersetzen, meine Kaffeemaschine aber doch.

Ich bin kein sentimentaler Mensch. Aber das hat mich gefreut. Nicht weil es ein Kompliment war, sondern weil es zeigt, dass etwas hängen geblieben ist. Nicht ich, sondern die Idee. Dass Kaffee im Büro mehr sein kann als ein Knopf auf dem Vollautomaten. Dass die zehn Minuten, die ein anständiger Espresso braucht, nicht verschwendete Arbeitszeit sind, sondern der Moment, in dem echte Gespräche entstehen.

Was bleibt

Drei Jahre als Büro-Barista haben mir Dinge beigebracht, die ich in keinem Barista-Kurs gelernt hätte. Dass der beste Espresso nichts wert ist, wenn du ihn alleine trinkst. Dass eine Maschine im Großraumbüro mehr verbindet als jedes Teambuilding-Event. Und dass es nur eine einzige Tasse braucht, um ein Gespräch zu beginnen, das ohne sie nie stattgefunden hätte.

Zwei Kaffeeküchen in München haben jetzt eine Sage. Die Appartamento steht wieder in Linz. Und die nächste Tasse ist schon in Arbeit.

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Markus

Markus

Chemiker, Ingenieur, Gründer von Restless Raven Coffee.
CSP Sensory Intermediate

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